Wenn die Geister verschwinden sollen, wird die Braut über die Schwelle getragen

Ja, es ist eine alte Tradition, ja, es wird gerne gemacht, ja, die Hochzeitsgäste applaudieren dazu und die Nachbarn des neuen Brautpaares, selbst wenn der Bräutigam manchmal schwer zu tragen hat, weil die Braut ein paar Pfündchen zu viel haben sollte. Aber viele Männer lieben das ja. Also sei’s drum. Denn schließlich hat diese Tradition auch Gründe, geht es doch darum, die bösen Geister an der Schwelle des Hauses, dort, wo sich Geister versteckt halten sollen, von der lieblichen Braut fernzuhalten und sie fruchtbar sein zu lassen, damit sich bald der Nachwuchs ankündigt. Also Dämonen austricksen. Kobolde überlisten.
Doch es ist noch nicht solange her, dass sich der Bräutigam dabei gedacht hat, dass er ja eigentlich der „Herr des Hauses“, der „Herr der neuen Wohnung“ sein wird. Im Zeitalter der Emanzipation wird ihm da aber von einer selbstbewussten Braut ein mächtiger Strich durch die Rechnung gemacht. Denn es gibt so manche Braut, die forsch und absolut selbstständig die Schwelle des Hauses überschreitet, keine Angst vor Dämonen hat und trotzdem fruchtbar ist.
Und dennoch: Die meisten Brautpaare halten es bei der traditionellen Feier: Die Braut wird würdig und feierlich über die Schwelle getragen. Was sich die Braut dabei denkt? Schließlich sind die Gedanken ja frei. Und die Feier war schön. Das ist die Hauptsache. Also lieben wir diese Tradition und lassen wir den Bräutigam seine Braut über die Schwelle tragen.
Doch: Jemand behauptete gar, er habe gesehen, dass eine Braut ihren Bräutigam über die Schwelle getragen hat. Im Zeitalter der selbstbewussten Frau ist das ja eigentlich gerecht. Gleichberechtigung auch für den Mann, hier den Bräutigam. Die Geister jedenfalls sind sie beide in jedem Fall los!








